Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

Du wirst Vater!

Der Schlag kommt ansatzlos, er trifft dich völlig unvorbereitet. Immer. Egal wo. Vielleicht beim Bummel durch die Stadt, wenn dich deine Freundin beiläufig fragt: "Schatz, da drüben ist eine Apotheke, könntest du mir rasch einen Schwangerschaftstest besorgen?"

Der akute Schwindelanfall muss dir nicht peinlich sein. Schließlich habt ihr über das Thema Kinder kriegen bereits geredet und akzeptiert, dass ihr euren Beitrag leisten wollt, damit die Deutschen nicht aussterben. Trotzdem: Wenn der positive Fall eintritt, ist es nicht mehr nur theoretische Diskussion, sondern Wirklichkeit. Und deine Welt, wie du sie bisher kanntest, ändert sich. Schlagartig eben. Durch deinen Kopf rasen Blitzlichter wie Kann-ich-mit-dieser-Verantwortung-umgehen, Geht-das-denn-überhaupt, Können-wir-uns-das-denn-leisten, Wird-es-ein-Junge-oder-ein-Mädchen, Mannomann-wir-werden-eine-kleine-Familie-sein, Was-mach-ich-denn-jetzt-bloss-als-erstes.

Was du jetzt machst? Pause. Hinsetzen. Ein Bier trinken oder zwei. Dich allmählich mit dem Gedanken anfreunden. Zusammen reden. Nicht tagelang im Internet surfen und Risiken bei der Geburt checken. Du wirst Vater. Deine Freundin wird Mutter. Ihr bekommt ein Kind. Ihr habt keine Ahnung, was das bedeutet. Aber ihr werdet euer Bestes geben. Andere haben das schließlich auch geschafft. Und falls es dir noch nicht klar war: Du wirst jetzt erwachsen.

BIS ES KOMMT

Bevor du jetzt mit allen Freunden ein enormes Schwangerschaftsverkündigungsfest feierst, begleitest du deine Freundin zum Frauenarzt. Dort wird festgestellt, ob sie tatsächlich schwanger ist. Und wann der Geburtstermin sein wird. Und ob auch sonst alles okay ist. Gemeinhin gelten die ersten drei Monate als riskant, es besteht die Gefahr, dass deine Freundin eine Fehlgeburt hat. Apropos Monate: Gewöhne dich daran, ab sofort auch in Wochen zu denken. Schwangerschaft wird in Wochen gemessen. Die Rechnung geht so: Medizinisch beginnt die Schwangerschaft 14 Tage nach der letzten Menstruation und dauert gemeinhin 40 Wochen (sind 280 Tage sind 10 Mond-Monate à 28 Tage sind 9 Kalendermonate). Hast du das mal kapiert, kannst du dann später auf entsprechende Fragen souverän antworten: "Wir sind in der 26. Woche." Oder: "Noch 15 Wochen bis D-day."

Beim Frauenarzt - nein, schwanger sein ist keine Krankheit - wirst du deinen Nachkommen auch das erste Mal sehen. Du erhältst ein Ultraschallbild, das aussieht wie ein Polaroid von Schneegestöber im Tunnel (lass dir das Foto später wie alle anderen auch am besten in Kunststoff einschweißen, damit es nicht vergilbt). Einer der weißen Punkte soll angeblich dein Kind sein. Euphorische Ausrufe wie "Ach Gott ist mein Sohn niedlich" sind nicht angebracht, weil du das offensichtlich nicht erkennen kannst. Andererseits solltet ihr euch aber schon jetzt Gedanken machen, ob ihr wissen wollt, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Falls nein, müsst ihr Fragen à la "Wie soll es denn heißen?" oder "In welchen Farben hättet ihr denn gern die erste Babyausstattung?", die später von der lieben Verwandtschaft permanent gestellt werden, neutral oder zweigleisig beantworten. Falls ja, wird die Gesamtsituation übersichtlicher und ihr könnt euch sehr viel konkreter mit deinem Sohn oder deiner Tochter auseinandersetzen. Etwa ab der 7. Woche reagiert der Embryo auf Reize von außen, und da ist es schlicht einfacher, ihn mit "Paul" oder "Pauline" anzusprechen als ständig anonym zu fragen: "Na, du da drinnen, wie geht's?"

Du solltest auch berücksichtigen, dass deine Freundin ab sofort von ihren Hormonen gesteuert wird (speziell vom Schwangerschaftshormon HCG) und nicht mehr dieselbe Person ist, die du zu kennen glaubtest. Dass ihr morgens öfter mal das Frühstück aus dem Gesicht fällt, okay, damit kannst du leben. Dass sie ständig ihre Laune ändert wirst du akzeptieren müssen. Dies betrifft auch ihre Lust auf Sex. Mal ist sie total scharf und es kann ihr gar nicht schnell genug gehen, mal lässt sie dich nicht mal an die Wäsche. Dass ihre Brüste empfindlicher werden, wird sie dir unmissverständlich klar machen. Und du solltest das respektieren. Du musst dich darauf einstellen, dass deine Freundin bis zur Geburt etwa 15 Kilo zulegen kann - trage es mit Gelassenheit und übe dich in selektiver Wahrnehmung, die Brüste werden schließlich auch dicker.

Die ersten drei Monate (der Experte sagt auch "das erste Trimenon") habt ihr gut überstanden, jetzt beginnt die stabile Phase der Schwangerschaft, ihr verkündet das Ereignis jedem, der es wissen will oder nicht. Den Geburtstermin hast du dir im Kalender rot markiert, er wird jetzt dein Leben bestimmen. Das Blöde ist nur: Er ist noch so weit weg. Deine Freundin hat ein bisschen zugelegt, aber noch keinen dicken Bauch. Ihr habt großartigen Sex. Sie geht nach wie vor ins Fitnessstudio. Du ziehst mit deinen Kumpels um die Häuser und denkst dir, "na ja, ist ja noch lang hin, das hat ja noch Zeit." Falsch. Der Termin wird viel schneller da sein als du gedacht hast. Und dann ist das Kinderzimmer oder was auch immer ihr in der Wohnung dafür vorgesehen habt, nicht fertig. Das ist zwar für dich nicht so schlimm, für deine Freundin dagegen schon. Sie will ihr Nest bauen und du hast das zu respektieren. Also surft ihr im Internet und klärt Fragen wie "Nehmen wird  die Pendelwiege oder den Bollerwagen für die ersten Monate?" "Muss es eine neue Wickelkommode sein oder tut es der alte Schreibtisch auch?" "Ist eine Badewanne besser oder ein Badeeimer?" "Sollen wir das Schaukelpferd und den Laufstall jetzt schon anschaffen?" Ihr tut eurer Verwandtschaft einen großen Gefallen, wenn ihr bestimmte Dinge in Auftrag gebt - das ist übrigens die einzige Strategie, die einen weiterhin stressfreien Kontakt ermöglicht: klare Ansagen. Kinderwagen, Maxicosy, Erstausstattung - kann man alles delegieren. Die paar Sachen, die euch wichtig sind, besorgt ihr selbst. Abgesehen von der Hardware ist die Beschäftigung mit dem Thema wichtig: Wo soll das Kind auf die Welt kommen? Renommierte Krankenhäuser in den Großstädten müssen in aller Regel mindestens ein halbes Jahr im Voraus gebucht werden - sonst ist zum Termin kein Bett mehr frei (allerdings wird dich kein Krankenhaus abweisen, wenn du mit deiner hochschwangeren Freundin am Empfang stehst und schreist: "Die Fruchtblase ist geplatzt, es kommt gleich!" Die Frage ist nur: Willst du es wirklich so weit kommen lassen?). Es ist sinnvoll, sich ohne Stress ein paar Krankenhäuser anzuschauen. Die Entscheidung hängt letztlich von euren Vorstellungen ab - schulmedizinische Schwerpunkte oder lieber alternative, Persönlichkeit der Ärzte und Hebammen, Krankenzimmer, Kinderstation. Es gibt überall entsprechende Informationsabende für Schwangere (ja, du bist auch schwanger!). Außerdem weißt du dann genau, wo du im Ernstfall hinfahren musst, ohne erst mit zitternden Fingern den Navi programmieren zu müssen.

Der Bauch deiner Freundin ist dicker, sie spürt das Kind. Du auch, wenn du bei ihr die Hand auflegst. Jetzt holt dich die Wirklichkeit wieder ein. Da wächst etwas! Und es ist von dir! Und du wirst dich kümmern müssen! Panikattacken und massive Verunsicherung sind in diesem Stadium völlig normal, also entspann dich wieder. Besprich mit deiner Freundin alles, was in dir vorgeht. Und du wirst feststellen, dass es ihr genauso geht. Reden hilft meistens, auch wenn ihr danach nicht unbedingt Sex haben werdet. Schließlich hast du auf dem aktuellen Ultraschallbild oder bei der Fruchtwasseruntersuchung (empfiehlt sich zum Ausschluss eventueller genetischer Erkrankungen) dein Kind bereits leibhaftig erkannt mit Gesicht und Armen und Körper und Beinen und bist womöglich der Auffassung, dass dein Schwanz nicht das erste sein soll, was es von dir sieht.

Was sich auf jeden Fall bei Panik und Unsicherheit als therapeutisch wertvoll erweist, ist der Besuch eines Geburtsvorbereitungskurses. Am besten in dem Krankenhaus, in dem die Entbindung erfolgen soll. Der Kurs hat letztlich nur einen realistischen Zweck: Ihr werdet feststellen, dass ihr nicht allein seid mit euren Ängsten, Fragen und Problemen. Es geht allen anderen genauso. Allein diese Erkenntnis rechtfertigt den Kursbesuch. Alles andere, was du dort erfährst (Atemtechnik, Massage, Positionen usw. usw.) kannst du getrost wieder vergessen. Denn du wirst dich im Gegensatz zu deiner Freundin bei der Geburt nicht mehr daran erinnern.

ES KOMMT

Wenn deine Freundin es gut mit dir meint, platzt die Fruchtblase bei der letzten Untersuchung im Krankenhaus und du musst ihr nur noch den Koffer bringen, der seit Wochen fertig gepackt zu Hause neben der Tür steht. Im Normalfall passiert das nachts um drei Uhr, das Bett ist völlig versaut (wie, Ihr habt keine gummierte Matte unter das Laken gelegt?), draußen tobt ein Unwetter und du hast vergessen zu tanken. Egal, ihr schafft es ins Krankenhaus, deine Freundin wird untersucht und in den Kreißsaal gebracht. Du hast die vorbereitete SMS "Es geht los!" an alle abgesetzt, dein Handy ausgeschaltet und sitzt nun ebenfalls dort. Deine Freundin ist verkabelt, ihr Zustand wird permanent kontrolliert. Ab und zu erscheint eine Hebamme und stellt rhetorische Fragen wie: "Alles in Ordnung?" Wenn du Glück hast, versorgt sie dich mit einer Kanne Tee (du verkneifst dir die Frage nach einem kalten Bier). Andernfalls musst du dich in der Kantine versorgen. Diese Situation kann sich ziehen, der statistische Durchschnitt bei Erstgebärenden liegt bei 13 Stunden. Vielleicht kannst du deine Freundin zwischendurch zu einer großen Badewanne begleiten, manche Kinder wollen im Wasser auf die Welt kommen. Egal, irgendwann geht die Geburt los. Deine Freundin schreit dermaßen, dass du völlig fertig bist. Das ist der Zeitpunkt, wo du alles vergisst, was du vorher zu dem Thema gelesen, gehört oder gesehen hast. Du bist ein sich elend fühlender hilfloser Geburtsbeiwohner. Wäre da nicht die Hebamme, die dich aus deiner Apathie holt mit den Worten: "So, jetzt reißen Sie sich mal zusammen und coachen ihre Freundin durch die Geburt." Coachen? Da war doch was... Allmählich fällt es dir wieder ein: Rede mit deiner Freundin! Sag ihr, wie sensationell grandios sie das macht! Massiere ihr die Stellen am Körper, die dir die Hebamme zeigt - und nur die!

Deine Freundin schreit im Rhythmus der Presswehen. Die Hebamme deutet zwischen ihre Beine und sagt zu dir: "Da ist ja schon das Köpfchen zu sehen!" Du schaust hin und dein erster Gedanke ist: "Das passt da nie durch!" Deine Freundin empfindet das genauso, deswegen brüllt und flucht sie derart.

Aber es passt durch. Es flutscht heraus nicht zuletzt dank der schützenden Fettschicht, die alle Babys haben und die Käseschmiere heißt. Das Kind liegt jetzt auf der Brust deiner Freundin und du wirst mitten in deiner Gefühlsverwirrung aus Glück und Erstaunen und Erschrecken mit der Frage konfrontiert: "Wollen Sie die Nabelschnur durchschneiden?"

Du hältst deine Handvoll Kind zum ersten Mal, trägst es zur Waage. Es ist so klein und es ist so schrumpelig. Es sieht überhaupt nicht so aus wie du das aus dem Werbefernsehen kennst. Aber es ist dein Kind und du bist der Vater. Das ist der Moment, in dem dir das vollkommen bewusst wird.

Deine Freundin wird ins Krankenzimmer geschoben, dein Kind in die Kinderstation. Deine Freundin braucht jetzt erstmal Ruhe. Du gehst mit in die Kinderstation und siehst zu, wie dein Kind zum ersten Mal gründlich untersucht wird. Du wirst gefragt, ob eine Blutprobe entnommen werden kann. Du notierst dir alle wichtigen Daten - Geburtszeit, Gewicht, Länge und Kopfumfang, benachrichtigst anschließend die nähere Verwandschaft. Der du vorher bereits unmissverständlich klar gemacht hast, dass in den ersten drei Tagen keine Besuche erwünscht sind. Schließlich müsst ihr euch erst an die neue Situation gewöhnen - ihr seid eine Familie.

BIS ES LÄUFT

Ihr fahrt nach Hause. Zum ersten Mal zu dritt. Ihr betretet die Wohnung und stellt fest: Ihr seid allein. Allein. Keine Ärzte, keine Krankenschwester, keine Hebamme (die kommt einmal die Woche). Jetzt beginnt die "Erste-Mal-Phase". Zwei von euch sind permanent überfordert und verunsichert. Nur das Kind weiß, was es will - Essen, Schlafen, Zuwendung. Das erste Mal Stillen zu Hause (macht deine Freundin). Oder das erste Fläschchen (macht deine Freundin). Das erste Mal wickeln (macht deine Freundin). Das erste Mal Baden (macht deine Freundin). Das erste Mal kontrollieren, ob das Kind schläft. Und ob es noch atmet (machst du). Du hast dir drei Wochen Urlaub genommen, um deine Freundin zu unterstützen. Du kaufst ein, kochst, kümmerst dich um die Wäsche - das ist deine "Erste-Mal-Phase". Ohne solche Überlebensstrategien, also der klaren Aufteilung der Zuständigkeiten, kann das Leben in dieser Zeit zur Hölle werden. Klar ist: Das Kind gibt den Rhythmus vor. Es kennt den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht. Er ist ihm auch scheißegal. Du erkennst die Wirksamkeit der Folter durch Schlafentzug. Das Kind schreit. Es hat Hunger. Oder Blähungen. Deine Freundin und du wandeln sich zu Zombies und als solche durch die Wohnung. Ihr fühlt euch fremdbestimmt, begebt euch in die totale Isolation, die Außenwelt existiert nicht mehr. Zumindest nicht in den ersten zwei Wochen. Dann wird auch Familie zur Routine. Bis zum ersten Fieberschub, Spuckattacken, Durchfall, Brustentzündung und Stillproblemen. Du lernst, was eine Milchpumpe ist und dass man Muttermilch einfrieren kann. Du lernst wickeln, baden, Fläschchen geben, Bäuerchen machen lassen. Du lernst unheimlich viel. Der "Fliegergriff" (dein Kind liegt mit dem Bauch auf deinem Unterarm) wird zur Gewohnheit. Du hast deine Funk-Kopfhörer griffbereit, wenn du das Schreien nicht mehr aushältst und dein Kind manchmal am liebsten an die Wand klatschen möchtest (du kannst solche Gedanken ruhig zulassen, jeder hat sie in solchen Situationen). Du denkst an alles außer Sex, bist überfordert und der Kommentare deiner Freunde, die schon Kinder haben, überdrüssig: "Das wird alles besser, wenn die ersten sechs Wochen vorbei sind."

Es wird besser. Auch wenn es dir in den ersten Wochen und Monaten schwer fällt, eine Beziehung zu eurem Kind aufzubauen, wirst du durchhalten. Wenn es dich das erste Mal anlacht, wenn es zum ersten Mal "Papa" sagt, wenn es zum ersten Mal läuft, weißt du, was mit der Floskel "stolzer Vater" gemeint ist.

 

Veröffentlicht 2006 © Michael Tempel

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