Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

Nike

Ende Mai hatte die Sonne bereits viel Kraft. Paul saß an seinem Lieblingsplatz im Schatten eines Olivenbaums oberhalb des antiken Theaters. Von dem waren zwar nur noch die Reste zweier marmorner Sitze übrig, doch von hier hatte er den erhabensten Blick auf die fünf weißen Säulen des Heiligtums, zwischen denen das klare dunkle Blau der nordöstlichen Ägäis durchschimmerte. Seit mehreren Jahren reiste Paul auf die Insel Samothraki, um seinen Jahresurlaub dort zu verbringen. Überwiegend fuhr er im Mai oder Juni, dann war noch Vorsaison und die Insel übersät mit roten Mohnfeldern. Die meisten Feriengäste kamen erst im Juli und im August auf das knapp 180 Quadratkilometer kleine Eiland, das mit dem schroffen Bergrücken des Saos-Gebirges vom Deck der Fähre aus wie ein auf Beute lauernder Drache aussah. Vier Stunden dauerte die Fahrt von Alexandroupolis, der großen Hafenstadt nahe der türkischen Grenze.

Paul gähnte und räkelte sich. Es war später Vormittag und er hatte nicht besonders gut geschlafen. Es zog ihn immer wieder an diesen Platz. Nach Paläopolis, in die Alte Stadt, die in der Antike Dreh- und Angelpunkt der Insel war. Paul liebte die Vorstellung von den Händlern und Kaufleuten, die ihre Waren den Pilgern feil boten. Er sah die Priester vor sich, wie sie durch die Wandelhallen schritten, die Schreiber, die in ihren kleinen Stuben saßen, die Handwerker in ihren winzigen Werkstätten. Und natürlich die Einwohner der Stadt, die von ihren Häuser am Abhang des Bergs Agios Georgios zum Markt eilten oder anderen Geschäften nachgingen. An der kleinen Hafenmole lag eine Vielzahl kleiner und größerer Schiffe. In schier endlosen Reihen strömten die Pilger zum Heiligtum der Großen Götter. Paul mochte den Mythos des Kabiren-Heiligtums, das nach zwei Dämonen benannt war. Angeblich hatten sie Ähnlichkeit mit Kastor und Pollux und galten als Beschützer der Fischer und Seeleute. So ganz enträtselt wurden die Rituale und Mysterien nie, die dort abgehalten wurden. Wer eingeweiht wurde, musste schwören, niemals darüber zu sprechen.

"Es ist tatsächlich der wundervollste Platz auf der Insel. Ich mag ihn auch ganz besonders."

Paul zuckte zusammen. Die Stimme war sanft, schien fast direkt neben seinem linken Ohr zu sein. Er drehte sich um und entdeckte eine Frauengestalt, die hinter den Resten eines alten Brunnens hervortrat.

"Kann ich mich neben dich setzen?" fragte sie.

"Aber natürlich." Paul war verwirrt.

Sie kauerte sich neben ihn, zog die Beine an, umfasste mit den Armen die Schienbeine, stützte das Kinn auf die Knie und blickte aufs Meer. Paul musterte sie verstohlen. Groß war sie, nicht unbedingt schlank, hatte dunkelblonde lange Haare, die sie mit einer schlichten Bronzeklammer im Nacken zusammenhielt. Ihr Gesicht hatte das klassische griechische Profil, gerade Nase, hohe Stirn, volle Lippen. Und klare blaugrüne Augen, in denen Paul das Meer entdeckte. Sie trug eine weite beigefarbene Hose und darüber eine Art leichten Umhang, den sie über die Schultern geschlungen hatte.

"Ich habe gar nicht gehört, wie du gekommen bist", sagte Paul, "bist du schon lange hier?"

"Oh ja, schon eine ganze Weile." Sie lächelte ihn an. "Ich weiß auch, dass du oft an diesem Platz sitzt. Das machen die anderen nicht, die hierher kommen. Die laufen unten durch die Trümmer, halten schwarze kleine Kästen vors Gesicht und gehen wieder."

"Ach," Paul konnte sich angesichts dieser seltsamen Beschreibung von Fotoapparaten ein Grinsen nicht verkneifen, "du bist also auch öfter hier. Lebst du auf der Insel?"

"Aber natürlich, wo denn sonst?"

"Na ja, du könntest ja auch wie ich Ferien machen."

"Nein, ich bin immer nur hier gewesen, seit ich denken kann. Woher kommst du denn?"

"Ich bin Paul," sagte Paul, "ich komme aus Deutschland. Darf ich dich nach deinem Namen fragen?"

"Selbstverständlich. Mich nennen alle Nike."

"Wie bitte?" Paul musste schon wieder grinsen. Jetzt tauften die Griechen bereits auf den kleinen Inseln ihre Kinder nach Turnschuhen. Dabei trug sie Ledersandalen.

"Ja, Nike, was ist daran so komisch?"

"Naja, ich möchte nicht unbedingt wie ein Turnschuh heißen."

"Das verstehe ich nicht. Meine Mutter Styx, die Göttin der Unsterblichkeit, hat mich so genannt. Was ist ein Turnschuh?"

Paul musterte die junge Frau misstrauisch. Offensichtlich wollte sie ihn ein bisschen hochnehmen. Oder seine Kenntnisse in griechischer Mythologie testen. "Soso, deine Mutter war also eine Göttin." Paul ging auf den Scherz ein. "„Dann bist du ja wahrscheinlich auch eine. Womöglich die berühmte Nike von Samothraki, die Göttin des Sieges?"

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, blickte ihn unbefangen an, ein kleines Lächeln in den Augenwinkeln. "Stimmt genau."

Na gut, dachte Paul, spielen wir das Spiel noch ein wenig. "Wo sind denn dann deine Flügel?" fragte er.

"Wenn ich mich unter die Menschen begebe, was vor allem in letzter Zeit nicht mehr allzu oft vorkommt, dann lasse ich sie lieber weg. Bis vor ein paar hundert Jahren war ich noch mit Flügeln unterwegs, aber da bekamen die Leute es mit der Angst und hießen mich einen Engel. Ich hatte gar keine echte Chance, mich ihnen zu nähern."

Allmählich fand Paul Spaß an der Geschichte. "Und wo hast du deinen Kopf her? Der wurde doch nie gefunden?"

"Stimmt, das ist eine blöde Geschichte. Natürlich hatte ich einen Kopf, sogar einen aus Gold. Aber nach dem Erdbeben, das hier alles zerstörte, ist er ins Meer gerollt. Und wenn dieser Trottel von Fischer, der ihn zufällig mit dem Netz hochgeholt hatte, nicht wieder zurück ins Wasser geworfen hätte, um Poseidon einen Gefallen zu tun, dann sähe meine Statue weitaus besser aus. Und Poseidon rückt ihn nicht mehr heraus. Aber das ist jetzt mehr als zweitausend Jahre her und ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern. Schließlich fehlt der Kopf ja nur auf der Statue."

Paul mochte ihre Fantasie und ihren Humor und wurde mutig: „Sag mal, hättest du nicht Lust, einen Kaffee zu trinken? Mein Wagen steht unten und wir könnten nach Chora ins 'Meltemi' fahren."

Nike klatschte in die Hände. "Oh ja, ich liebe es im Wagen zu fahren. Wie viele Pferde hast du?"

Paul ließ sich diesmal nicht mehr aus der Fassung bringen. "Sechsundneunzig."

"Haha. So ein Blödsinn. So viele kannst du ja gar nicht lenken." Nike schüttelte den Kopf.

"Okay", sagte Paul, "komm doch einfach mit."

Auf dem Parkplatz stand sein weißer Leihwagen. Nike ging um das Auto herum, befühlte die Karosserie und fragte: "Was ist das?"

"Das ist ein Auto. Wir fahren damit." Er öffnete die Beifahrertür und zeigte Nike, wie sie sich hinsetzten sollte. Sie lachte und stieg ein. Paul drehte den Zündschlüssel und fuhr los. Immer noch war er sich nicht im klaren, ob sie mit ihm scherzte oder tatsächlich etwas antiquiert war. Jedenfalls war sie hübsch und das genügte Paul. Nike blickte sich aufmerksam um und schien an der Fahrt Gefallen zu finden.

"Wieso sprichst du eigentlich so gut deutsch", fragte Paul.

"Keine Ahnung, ich kann es eben." Nike blickte an einen unbestimmten Punkt weit draußen auf dem Meer.

Sie fuhren an der Küste entlang hinein in den Hauptort Kamariotissa. Ein Städchen mit zwei- bis dreigeschoßigen weiß getünchten Häusern, in dem auch die Fähre aus Alexandroupolis anlegte. Die Hafenpromenade bestand in erster Linie aus einer Reihe von Restaurants und Andenkenläden, die aber jetzt in der Vorsaison noch nicht alle geöffnet hatten. Kurz bevor sie am alten kleinen Leuchtturm, der etwa in der Hälfte der Promenade stand, links in das Städtchen abbogen, sahen sie draußen vor der Landzunge von Akrotiri vier gewaltige Propeller, die in der kräftigen Nachmittagsbrise wirbelten.

"Was ist das denn?" fragte Nike erstaunt.

Paul hielt am Straßenrand. "Das sind die vier Growiane. Windanlagen, die die Insel mit Strom versorgen. Recht fortschrittlich für ein griechisches Eiland."

"Was ist Strom?" fragte Nike.

Paul beschloss, dass ihm das jetzt doch zu weit ging und lenkte den Wagen Richtung Inselmitte. Wie immer freute er sich auf die Kehre, von der aus er den ersten Blick auf den Ort Chora hatte. Ein altes Dorf, versteckt in einer Mulde zwischen steilen Felsen. Angeordnet im Halbrund wie ein Amphitheater, bewacht von einem mittelalterlichen Kastell, in dem jetzt die Polizeistation untergebracht ist. Paul parkte den Wagen am Ortseingang. "Lass uns ein wenig zu Fuß gehen, ich mag die verwinkelten Gassen so gern."

Sie schlenderten die Hauptgasse entlang, vorbei an der Bäckerei, die jetzt kurz nach sechs Uhr abends den Ofen einheizte, um auf traditionelle Weise die langen Weißbrotlaibe zu backen. Bald würde der wunderbare Duft zwischen den Häusern entlang ziehen und zusammen mit dem der Geranien und Bougainvillea ein einzigartiges Parfüm bilden. Auf einer blau gestrichenen Bank saßen drei alte Männer und beobachteten sie schweigend. Nach ein paar Minuten erreichten sie Pauls Lieblingscafe, das 'Meltemi'.

"Hallo Paul", begrüßte ihn Panagiotis, der hinter der Theke ein paar Gläser spülte.

"Hallo." Paul deutete auf seine Begleiterin und sagte: "Darf ich vorstellen, das ist Nike, griechische Göttin. Nike, das ist Panagiotis, griechischer Cafebesitzer."

Panagitois grinste, zwinkerte Paul zu und sagte zu Nike: "Willkommen, edle Göttin, ich fühle mich geehrt, dass ihr euren hübschen Fuß in mein schlichtes Cafe setzt." Er wandte sich an Paul. "Was darf ich euch bringen?"

"Zwei Café frappé." Paul mochte diesen kalten Koffeindrink mit der dicken sahnigen gelben Creme obendrauf und bestellte für Nike der Einfachheit halber gleich einen mit. Ohnehin trank man nichts anderes, wenigstens zum Einstieg. Panagiotis brachte gleich drei Gläser und setzte sich zu ihnen. Der Blick von der Caféterrasse war grandios. Die alten Häuser drängelten sich eng zusammen, ihre roten oder grauen Ziegeldächer waren zum Schutz gegen die heftigen Winterstürme mit grob behauenen Steinbrocken beschwert. Das mittelalterliche Fort, besser gesagt die Ruine davon, erhob sich auf dem Hügel über dem Dorf und in der Ferne schimmerte das Blau des Meeres. Im Café war wenig los. Lediglich ein Tisch war besetzt mit drei schwarzhaarigen, recht molligen Mädchen aus dem Dorf, alle so um die fünfzehn, sie gingen wahrscheinlich hier aufs Gymnasium. Sie alberten herum, führten sich gegenseitig die neuesten Kosmetika vom Festland vor und pafften ungeschickt eine Zigarette nach der anderen.

"Stell dir vor", sagte Panagiotis zu Paul, "jetzt wollen sie endlich einen Flugplatz bauen, in der Nähe von Alonia. Das wird gut fürs Geschäft."

"Na, dann kannst du die Insel gleich vergessen." Paul rührte missmutig in seinem Kaffee. In Gedanken sah er die neuen Hotelburgen bereits vor sich. Die Scharen von Touristen, die den einzigen Sandstrand von Pachia Ammos im Süden übervölkerten und durch die weitläufigen Täler und sanften Abhänge wuselten, die über und über mit silbrig schimmernden Olivenhainen bestanden waren. Wahrscheinlich würde der Trampelpfad zu den Wasserfällen des Flusses Fonias im Schatten der gewaltigen Platanen und Riesenfarne bald geteert und mit Würstchenbuden bestückt werden. Paul hatte Nike ursprünglich fragen wollen, ob sie morgen mit ihm zu den Wasserfällen wandern wollte. Das Wasser war klar und frisch, stürzte dreißig Meter tief in einen Pool, in dem man baden konnte. Und wer den steilen Felsen hinaufkletterte, war oben in einem zweiten kleinen See beim Schwimmen noch ungestörter. Aber ob der düsteren Vorstellungen war Paul die Lust auf den Ausflug vergangen. Er war jetzt eher in der Stimmung, in einen der beiden alten Panzer zu steigen, die an der Straße zum Kap Kipos vor sich hinrosten und ihre Geschützrohre immer noch auf die türkische Küste richteten.

"Ist dir nicht gut? Du siehst so blass aus." Paul schreckte aus seinen trüben Gedanken und blickte in die blitzenden grünblauen Augen seiner Göttin. Panagiotis lachte über Pauls dämlichen Gesichtsausdruck und fragte: "Seit wann bist du denn wieder auf der Insel?"

"Seit gestern erst", antwortete Paul, "vorher war ich noch ein paar Tage auf Thassos und habe beim Töpfer Costis in Limenaria und auf dem Rseiterhof von Sibylle Bitzer in Theologos vorbeigeschaut. Ich wollte dich sowieso fragen, wieso es eigentlich keine Fährverbindung zwischen den beiden Inseln gibt. Es ist doch recht aufwendig, die 150 Kilometer vom Flughafen in Kavala nach Alexandroupolis zu fahren, auch wenn die Autobahn wahrscheinlich die beste und am wenigsten befahrene ganz Griechenlands ist. Außerdem ist es nur schwer zu kapieren, dass es zwischen Thassos und Keramoti auf dem Festland nahezu stündlich eine Verbindung gibt und von Alexandroupolis nach Samothraki pro Tag gerade mal eine, zumindest jetzt in der Nebensaison."

Panagiotis zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. "Stimmt, das ist eine der Idiotien, die keiner versteht, und außerdem sehr schlecht fürs Geschäft, schließlich liegen die Inseln in Sichtweite zueinander. Aber so lange es ein Monopol auf die Fährverbindungen gibt, wird sich zumindest bis 2002 nichts daran ändern. Danach sieht es schon wieder anders aus." Er schnippte die abgebrannte Asche auf einen Unterteller. "Wie ist es denn jetzt auf Thassos? Ich war seit dem letzten großen Brand vor acht Jahren nicht mehr da."

Nike blickte überrascht von ihrem Frappé auf. "Oh, es hat gebrannt? Als ich das letzte Mal dort war, waren die Thassoten sehr stolz auf ihre Wälder. Es gab wunderbare Eichen, Pinien, Platanen und vor allem Kiefern. Eine ganz und gar grüne Insel mit hohen Bergen und sehr hübschen sandigen Uferstreifen. Außerdem waren die Leute dort superreich wegen ihrer Gold- und Marmorvorkommen. Allerdings hatten sie auch unglaublich viel Angst deswegen, weil sie ständig von Piraten überfallen wurden."

Paul vermutete längst, dass Nikes Hobby griechische Geschichte war, schmunzelte vor sich hin und gab einen kurzen Bericht. Nach den Brandkatastrophen von 1985, 1989 und 1993 erholt sich die Insel nur schwer. Mit Ausnahme des Nordostens rund um den Gipfel Profitis Ilias wurden die Wälder stark in Mitleidenschaft gezogen. Wer mit dem Auto rund um die Insel fährt, sieht immer wieder riesige Felder mit abgebrannten Baumstämmen wie gigantische Streichhölzer. Wo die Brände schon länger zurückliegen, hat sich dichte Macchia breitgemacht und bedeckt undurchdringlich den Boden. Von der Fähre aus bereits sieht man die Brandschneisen, die in die noch existierenden Wälder geschlagen wurden und aussehen wie Skipisten im Sommer. Zwar sind die Strände wie beispielsweise Golden Beach im Osten, die beiden magischen Halbmonde von Aliki im Südosten, Potos und Limenaria im Südwesten und der Nordwesten von Skala Prinou bis Skala Rachoniou nicht zu verachten, können aber mit denen anderer griechischer Inseln wie Mykonos oder Paros nicht wirklich mithalten.

"Costis ist immer noch der Meinung, dass Thassos die schönste Insel überhaupt ist", sagte Paul. Costis ist Töpfer und seine Werkstatt liegt am westlichen Rand von Thassos Stadt. Selbst Sifnos, die Insel der Töpfer, von der auch Costis' Familie stammt, findet er nicht so verführerisch. Costis formt aber nicht nur hübsche Tassen, Krüge und Amphoren jenseits des sonst üblichen Kitsches, er ist auch Philosoph. "Als ich ihn auf das Schild 'workshops' an seiner Tür ansprach und fragte, was es kostete, sagte er ‚eine Stunde 6.000 Drachmen, aber wenn du ein Jahr bleibst, ist es gratis", erzählte Paul. Wenn einer seinen Job nicht wirklich gern macht, dann kann er auch nie wirklich gut sein, dass ist Costis' Credo. Er würde Thassos niemals verlassen, die Insel übt eine eigenartige Anziehungskraft auf ihn aus. Das ist auch bei Bine Bitzer der Fall, die seit Mai 1999 im Süden der Insel am Ortsrand des Dorfes Theologos einen Reiterhof gebaut hat. Paul war beeindruckt von der Odenwalderin, die sich mit sieben Pferden, einem Muli, einem Esel und dem Hund Zorbas eine Existenz aufbauen will. Zu Hause hatte sie Reittherapie für behinderte Kinder angeboten und möchte das neben den herkömmlichen Reiterferien für Urlauber auch auf Thassos etablieren. Bine meinte, dass die Insel irgend etwas hat, was man aber nicht beschreiben könnte.

Nach Pauls etwas weniger gefühlsmäßigen Einschätzung liegt Thassos' Potenzial ohne Zweifel in der Kombination aus Sandstrand, Bergen und Wäldern. Denn trotz aller Brandschäden gibt es immer noch unzählige grandiose Wege und Plätze, vor allem rund um die Berge Profitis Ilias und Ipsarion.

"Das haben sie inzwischen auch erkannt," sagte Paul. "Abgesehen davon, dass sie gerade mit EU-Geldern das gesamte Straßennetz verbessern, planen sie sinnvoll für die weitere Entwicklung. Bürgermeister Lefteris Meressis hat mir erzählt, dass sie ein spezielles Wanderwegenetz am Ipsarion anlegen wollen und auch den Agrotourismus im Innern der Insel fördern wollen, wenn die EU das Geld dafür locker macht. Außerdem dürfen nur noch kleinere Hotels mit einem Qualitätsstandard von mindestens dreieinhalb Sternen gebaut werden."

Panagiotis hätte sich fast an seinem Kaffee verschluckt. "Kleine Hotels? Na, das will ich erst mal sehen. Hier baut doch jeder wie er will." Er stand auf, da die Mädchen ihm signalisiert hatten, dass sie zahlen wollten.

Nike beuge sich zu Paul und flüsterte: "Ein hübscher Kerl, dieser Panagiotis. Kennst du ihn schon lange?"

Paul, der Nikes Eindruck nun überhaupt nicht nachvollziehen konnte, gab wiederstrebend Auskunft: "Der Typ war acht Jahre lang in Stuttgart, danach 13 Jahre in Alexandroupolis und ein Jahr in New York. Seine Familie stammt hier aus Chora, seine Großmutter lebt in Alonia. Du weißt schon, wo der Flugplatz geplant ist."

"Was ist ein Flugplatz", fragte Nike.

Paul hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie seltsame Fragen stellte und ging nicht mehr darauf ein. Panagiotis setzte sich wieder zu ihnen und brachte einen Teller Sandwiches mit.

"Was machst du eigentlich die ganze Zeit". wollte Nike von ihm wissen.

"Naja, während der Saison im Juli und im August habe ich jede Menge zu tun. Und den Rest des Jahres habe ich hier meine Ruhe. Meistens bin ich in meiner Bar, oft kommen Freunde vorbei. Und zweimal im Jahr muss ich weg von der Insel,."

Er setzte sein breitestes Grinsen auf: "Weil hier gibt's eben nur Ziegen. Im Winter kann das aber schwierig werden, dann ist Chora manchmal eingeschneit."

Nike kicherte.

Paul fand das nicht komisch und wechselte das Thema. "Wieso sprechen eigentlich so viele Samothraker so gut deutsch," wollte er wissen.

"Das ist einfach", antwortete Panagiotis. "Der erste hier von der Insel, der ins Ausland ging, um zu arbeiten, ist in Stuttgart gelandet. Und da Griechen immer dorthin gehen, wo sie schon einen kennen, sind eben fast alle hier von der Insel ebenfalls nach Stuttgart gegangen. Sie haben bei Daimler gearbeitet oder bei Bosch oder haben ein Restaurant aufgemacht. Wenn du in der Hochsaison hier bist, dann siehst du lauter Mercedes mit dem Kennzeichen 'S'. Und das steht nicht für Samothraki."

Inzwischen war es schon fast Mitternacht und Paul wollte gern mit Nike noch ein wenig allein sein. "Kann ich dich noch ein Stück mit nehmen?" fragte er sie, als sie sich von Panagiotis verabschiedet hatten und wieder zum Auto gegangen waren.

"Nein danke," sagte Nike, "sehr freundlich, aber ich wohne gleich hier in der Nähe. Der Tag mit dir hat mir viel Spaß gemacht, vielleicht sehen wir uns ja noch einmal während deines Urlaubs."

"Wie wär's mit morgen?" schlug Paul vor.

"Mal sehen," antwortete Nike, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und war verschwunden.

Paul strich sich über die Stelle und rieb sich anschließend die Augen. Völlig irritiert sah er sich um. Er saß immer noch an derselben Stelle oberhalb des Tempels. "Du lieber Himmel, hoffentlich drehe ich jetzt nicht völlig durch", dachte er und rappelte sich auf. Fast wäre er gestürzt, seine Beine waren zur Gänze eingeschlafen. Unter Schmerzen wankte er begrab Richtung Ausgang. Und nahm sich vor, heute ein Bier weniger zu trinken. Obwohl ihm die einheimische Marke "Mythos" recht gut schmeckte.

 

Veröffentlicht 2001 - © Michael Tempel

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